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Wie er

Es gibt Dinge, über die rede ich nicht oft, obwohl ich sonst so ein redseliger Mensch bin. Es gibt Dinge, von denen ich glaube, dass ich nicht über sie reden sollte, weil die meisten Menschen sie doch nicht verstehen würden.

Ich habe schon als Kind immer versucht, so zu sein, wie er es sich wünschen würde. Das ist schwierig, wenn man jemanden eigentlich nie so gut kennen lernen konnte, um zu wissen, was er sich denn wünschen würde. Als Kind habe ich immer versucht, herauszufinden, was für ein Mensch er war. Um erfahren zu können, ob wir irgendetwas gemeinsam haben. Glaubt man den Menschen, bin ich ihm so unwahrscheinlich ähnlich, doch ich glaube Menschen nicht einfach so. Ich weiß, was sie in mir sehen wollen und was ich sehen möchte. Und ich weiß, wie schnell einen das blenden kann.

Seit einiger Zeit glaube ich, er würde sich wünschen, ich würde es versuchen und auf meine Halbgeschwister zugehen. Seien wir ehrlich. Ich würde es gerne, weil ich denke, es wäre das Richtige und weil ich denke, ich könnte Dinge über ihn erfahren, von denen ich bisher nichts wusste. Mein Gefühl sagt mir, ich sollte es versuchen. Doch so mehr ich es will, um so öfter höre ich die Stimme in meinem Kopf, die der meiner Mutter so ähnlich ist. Was ist, wenn diese Menschen, von denen ich hoffe, dass wir etwas gemeinsam haben, nicht im Geringsten dem entsprechen? 

Machen wir uns nichts vor. Ich bin mir sicher, sie wollen mich nicht kennen lernen. Es ist mein Gefühl, das mir das sagt. Mein Gefühl und mein Verstand. Einer der seltenen Momente, in denen sich die beiden einig sind. Mein Gefühl war bisher meistens zuverlässig. Die Frage ist, solle ich es riskieren? Und auch hier sagt mein Gefühl, ich sollte es. Ich bin kein Mensch für halbe Sachen, ich muss es wissen, nur so könnte ich mich mit einer negativen Antwort abfinden.

Es war vor drei Jahren. Da schrieb mir seine Frau. Ich vermute, sie hat bis zu diesem Zeitpunkt nichts von mir gewusst, denn sie schrieb mir, weil sie meinen Namen in der Zeitung entdeckt hatte. Manche Nachnamen sind einfach nicht häufig genug, um nicht auf die Idee einer Verwandtschaft zu bekommen. Sie schrieb mir, es sei wichtig, seine Familie zu kennen und er und seine Frau würden mich gerne kennen lernen. Ich freute mich damals über den Brief und ignorierte jede Stimme in meinem Kopf, die mich darauf vorbereiten wollte, dass er möglicherweise nie etwas von dem Brief erfahren hatte. Heute bin ich mir sicher, er wusste nichts davon oder wollte es zumindest nicht.

Ungefähr vor vier oder fünf Jahren traf ich sie persönlich. Seine Schwester, die doch eigentlich auch meine ist. Ich lernte damals aus Zufall ihre Tochter in einem Praktikum kennen. Sie war damals noch ein Kind und schien mich zu mögen. Ich mochte ihre Tochter sehr, denn sie erinnerte mich an mein sechsjähriges Ich, nur ein bisschen älter.
Als sie mit ihrer Tochter später direkt mir gegenüber stand, redeten wir nicht. Sie sah mich nicht an und ließ sich nicht anmerken, dass wir verwandt sind. Sie hatte damals die gleiche, unidentifizierbare Augenfarbe wie ich. Meine Mutter hatte schon früher immer gesagt, ich habe seine Augen.

Ich muss mir da nichts vormachen. Nur, weil wir denselben Vater hatten, heißt das nicht, dass wir uns deshalb ähnlich sein müssen. Es liegt sogar nahe, dass sie nichts von ihm haben. Bei all meinen Wunschbildern glaube ich nach allem, was ich weiß, nicht, dass er ein (intriganter) ignoranter Feigling war. Und ich bin es auch nicht.

30.9.11 12:24

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